Extremer Reichtum auf der einen Seite, wachsende psychische Belastungen auf der anderen: Für Gerald Ziegler sind das keine voneinander getrennten Entwicklungen. Sie sind Symptome eines Wirtschaftssystems, das an seine Grenzen stößt. Wir haben beim Experten für Zukunftsgestaltung nachgefragt, warum unsere Wirtschaft stirbt.
Kränkelndes System
„Psychische Erkrankungen nehmen überhand und überholen körperliche. Das Prinzip, höher, schneller, weiter hat ganz offensichtlich ausgedient“, sagt Gerald Ziegler, der Unternehmen seit Jahrzehnten in Veränderungsprozessen begleitet. Er bezeichnet sich selbst als „Sterbebegleiter einer Ausbeutungswirtschaft“. Doch woran erkennt man überhaupt, ob ein Unternehmen gesund ist?


„Nicht an den Kennzahlen“, sagt Ziegler. „Ich erkenne gesunde Unternehmen daran, dass es den Menschen gut geht. An einem entspannten Arbeitsklima, an wertschätzenden Gesprächen und daran, dass Menschen einander – und mir – mit einem Lächeln begegnen.“
Wenn Führung ihren Reiz verliert
Dass Führungspositionen heute immer schwieriger zu besetzen sind, überrascht ihn deshalb nicht. „Viele Menschen wollen sich diesem Druck des alten Systems nicht mehr aussetzen“, sagt Ziegler. Gemeint ist damit nicht nur der Druck von oben, immer bessere Zahlen liefern zu müssen. Ebenso groß sei mittlerweile der Druck von unten: Mitarbeitende wünschen sich mehr Lebensqualität und stellen Arbeit nicht länger über alles andere.


„Die Überzeugung, dass man eben möglichst viel arbeiten muss, um Karriere zu machen, verliert an Bedeutung“, ist seine Beobachtung. Unternehmen, die weiterhin ausschließlich auf Kontrolle, starre Hierarchien und permanentes Wachstum setzen, würden deshalb zunehmend Schwierigkeiten haben, geeignete Führungskräfte zu finden. „Das wirkt auf viele Menschen heute schlicht abschreckend.“
Warum unsere Wirtschaft stirbt: “Die Natur kennt kein permanentes Wachstum”
Seine Antworten auf diese Entwicklung findet Gerald Ziegler nicht in Managementbüchern, sondern in der Natur. Dort wechseln sich Wachstum und Rückzug ganz selbstverständlich ab. Auf Phasen voller Energie folgen Zeiten der Regeneration. „Alles in der Natur pulsiert zwischen Energie aufnehmen und Energie zurückgeben“, sagt er.
Genau dieses Prinzip fehle vielen Unternehmen. Während das bisherige Wirtschaftsmodell auf Ausbeutung, Konkurrenz, Kontrolle und Gewinnmaximierung aufgebaut sei, brauche es künftig andere Werte: Vertrauen, Beziehung, Freude, Wertschätzung und Gemeinwohl. Um diesen Gedanken nachzugehen, verbrachte Ziegler mehrere Tage allein im Wald, lediglich mit Schlafsack und einer Plane als Wetterschutz. Die Erfahrung habe seinen Blick auf Wirtschaft nachhaltig verändert. „Die Natur kennt keine Gier. Sie verschenkt sich. Und sie kennt auch kein permanentes Wachstum. Warum erwarten wir genau das von Menschen und Unternehmen?“
Eine andere Vorstellung von Erfolg
Für Gerald Ziegler darf deshalb auch das Bruttoinlandsprodukt nicht länger der alleinige Maßstab wirtschaftlichen Erfolgs sein. „Mein Leitstern ist eine regenerative und lebensdienliche Wirtschaft“, sagt er. Gewinn sei wichtig, doch es brauche ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Purpose, People, Planet und Profit. Ganz so, wie es das bekannte 4P-Modell der nachhaltigen Unternehmensführung vorgibt.

Buchtipp
Gerald Ziegler: Neugeboren aus dem Wald. Eine Vision gesucht, mich selbst gefunden. Verlag Berger.
Ein Buch für die derzeitige Übergangszeit, in der sich das Alte, Bekannte und Gewohnte auflöst und etwas Neues entstehen möchte – in allen Bereichen der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.
Seine größte Sorge gilt deshalb weniger wirtschaftlichen Krisen als einer fehlenden Vorstellung davon, wie Wirtschaft künftig aussehen könnte. „Menschen verändern sich nicht durch Angst. Sie verändern sich, wenn sie ein Bild davon entwickeln können, dass es auch anders geht.“ Genau darin sieht er die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre: neue Zukunftsbilder zu entwerfen. Bilder einer Wirtschaft, die nicht nur Wohlstand schafft, sondern auch das Leben den Menschen stärkt.