Ernährung, Schlaf, Schrittzahl: Darauf achten heute viele Menschen ganz selbstverständlich. Doch kaum jemand hört auf das deutlichste Signal überhaupt – den eigenen Körper. Elisabeth Walter arbeitet deshalb mit dem, was sie „Körperecho“ nennt. Sie erlebt immer wieder, wie Worte den Körper schneller erreichen als den Verstand.
Unterwegs als “die Aufstellerin”
Mit ruhigen, festen Schritten bewegt sich Elisabeth Walter durch den Raum. Einmal stellt sie einen Sessel um, einmal klebt sie einen kleinen bunten Zettel auf ihn. Dann bleibt sie stehen und beobachtet. Die Wienerin ist als „die Aufstellerin“ bekannt. Seit vielen Jahren begleitet sie Menschen, die ihre bewussten und unbewussten Emotionen besser verstehen wollen – in Partnerschaften, Familien oder bei beruflichen Konflikten.


Doch immer häufiger beginnt ihre Arbeit nicht mehr mit einer klassischen Aufstellung, sondern mit etwas viel Einfacherem: mit Worten.
Die Macht der Worte
„Warum hast du das schon wieder gemacht?“ – Diese Frage lässt Elisabeth Walter aufhorchen. Fällt sie in Beziehungen, weiß sie, was er auslösen kann: Plötzlich zieht sich etwas in der Brust zusammen, der Atem wird flacher, die Schultern spannen sich an. Viele würden jetzt sagen: „Ich habe mich einfach geärgert.” Die Aufstellerin sieht das anders.


„Der Körper reagiert oft, bevor unser Kopf überhaupt verstanden hat, was gerade passiert”, sagt sie. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit den Wirkungen von Sprache, familiären Prägungen und systemischen Zusammenhängen. Immer häufiger beginnt sie ihre Arbeit deshalb nicht mit einer klassischen Familienaufstellung, sondern mit der Beobachtung des Körperechos.
Wie ein Echo in den Bergen
Dieses funktioniert wie ein Echo in den Bergen, erklärt sie. „Du rufst etwas hinein und der Berg antwortet. Genau das macht auch unser Körper.” Manchmal reagiert er mit besagter Enge in der Brust, mit Zittern, einem flauen Gefühl im Magen oder mit einem tiefen Durchatmen. Für Walter sind das keine Zufälle.
„Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte. Worte docken an Erfahrungen an. Deshalb kann derselbe Satz bei zwei Menschen völlig unterschiedliche Reaktionen auslösen“, sagt sie. Besonders aufmerksam wird die Lebens- und Sozialberaterin, wenn Vorwürfe fallen. Sätze, die mit „Du …” beginnen oder vermeintlich unauffällige Formulierungen beinhalten wie „Man sollte …“ oder „Man könnte …“. Sie weiß: „Hinter solchen Sätzen stecken oft Bedürfnisse, Ängste oder alte Verletzungen.”
Zwischen Reiz und Reaktion entsteht eine neue Freiheit
Für Walter ist genau dieses Körperecho der Schlüssel. Denn wer lerne, die eigenen körperlichen Reaktionen wahrzunehmen, erkenne oft viel früher, was tatsächlich in ihm vorgehe. Warum trifft mich genau dieser Satz so sehr?, Warum reagiere ich in bestimmten Situationen immer gleich?, Warum ziehe ich mich zurück, obwohl ich eigentlich Nähe möchte? „Viele Menschen funktionieren einfach“, sagt Walter. „Sie reagieren automatisch, ohne zu merken, was gerade in ihnen passiert.“


Wer sein Körperecho wahrnimmt, gewinnt einen kleinen Moment zwischen Reiz und Reaktion. Und genau dort entsteht etwas Entscheidendes, nämlich die Möglichkeit, anders zu handeln. Frei von Angst.
Körper und Emotionen arbeiten eng zusammen
Ihre Erkenntnisse hat Elisabeth Walter während einer persönlichen Krise gewonnen, nämlich im Zuge einer Nahtod-Erfahrung. Damals entwickelte sie Panikattacken und begann sich intensiv mit den körperlichen Reaktionen auf Stress auseinanderzusetzen. „Zu dieser Zeit habe ich gelernt, wie eng Körper und Emotionen zusammenarbeiten.“ Heute beobachtet sie, dass viele Menschen ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich nach außen richten. Stichworte: Termine, Handy, Zukünftiges oder Vergangenes. „Dabei übersehen wir oft den wichtigsten Ort: das Hier und Jetzt.“


Elisabeth Walters Rat klingt deshalb erstaunlich einfach: Kurz innehalten und die Hand aufs Herz legen. Während man sich fragt, ob man gerade im Frieden oder im Stress ist, setzt auch das Körperecho ein. Die Aufstellerin will es nicht als Therapie oder als esoterisches Konzept verstanden wissen, sondern als Einladung, den eigenen Körper wieder ernst zu nehmen: „Wenn wir erkennen, wie er auf bestimmte Worte, Situationen oder Menschen reagiert, verstehen wir oft auch, warum wir immer wieder dieselben Muster leben.“
Vorankommen mit Aufstellung und Körperecho
Auch wenn Elisabeth Walter Aufstellungen und Körperecho-Arbeit in ihrer Praxis im 12. Wiener Gemeindebezirk durchführt, ist sie überzeugt, dass sie keinen besonderen Raum braucht, dafür aber Worte. Deshalb klappe ihre Arbeit auch über das Telefon wunderbar. Als Aufstellerin – vor Ort oder am Handy – ist Walter jedenfalls für all jene da, die sich ihrer Vergangenheit stellen wollen. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein. „Ich empfehle gern, Schritt um Schritt langsam zu gehen – je nach Schicksal. Wenn es ein großes, intensives Schicksal ist mit Trauer- oder Schuldgefühlen, dann ist es gut, die Tür der Emotionsarbeit einmal zu öffnen. Danach geht ein Weg weiter.“
Über die Jahre hat Elisabeth Walter mehr als 1.500 Aufstellungen gemacht, „Gruppenprogramme noch gar nicht mitgezählt“. Diese Erfahrung hat ihr gezeigt, wie essenziell Worte sind, weil sie wirken. Ziel sei stets, dass Menschen an den Punkt kommen, an dem sie sich ihre Bedürfnisse im Leben selbst und frei erfüllen können. Dafür rückt sie Stühle zurecht, verteilt Post-its, stellt Menschen auf – und beobachtet, bevor sie mit den Menschen an Reaktion und Verhalten arbeitet.