Peru ist ein Land der Extreme: zwischen Pazifik und Amazonas, zwischen Gletschereis und Regenwald, zwischen uralten Kulturen und modernen Städten. Völlig zurecht steht es auf der „Best in Travel“-Liste für 2026.
Zu Besuch bei den Urus
Gloria zieht den Fingernagel über ihren Handballen, langsam, als würde sie eine Spur freilegen. Bis „70“ dort steht, weiß eingeritzt in die braune Haut. So viele Soles – umgerechnet 18 Euro – soll der Tischläufer kosten, den sie in Schwarz und Rot und Orange mit den heiligen Tieren der Andenwelt bestickt hat: Puma, Schlange, Kondor. In 3.800 Metern Höhe, so nah am Himmel, wirken die Farben als hätte jemand den Sättigungsregler ganz nach oben gedreht. Rings um die Uru-Frau mit den dicken schwarzen Zöpfen liegen noch andere handgemachte Stücke in leuchtenden Tönen aufgefächert – auf dem Boden einer Insel, die eigentlich keine sein dürfte.


Kaum merklich schwankt der Untergrund, nur genug, um den Körper daran zu erinnern, dass hier alles auf Wasser gebaut ist. Ein eigentümlicher, süßlich-fauliger Geruch steigt aus dem Bauch der Insel auf, warm wie Atem. Die schwimmenden Plattformen, auf denen die Urus im Titicacasee leben, bestehen nämlich aus Totorabinsen: unten eine dicke, verrottende Schicht mit Erdballen, darüber immer wieder frische Bündel, abwechselnd quer und längs geschichtet.


Ein fragiler Teppich, der ständig erneuert werden muss, damit er nicht vom Wasser verschluckt wird. An die 200 dieser menschengemachten Inseln sollen es sein, die auf dem See, eingeklemmt im Hochland zwischen Peru und Bolivien, treiben. Manche kaum größer als ein Tennisplatz. Die meisten für eine Handvoll Familien. Und wenn die Urus streiten, schneiden sie ihre Insel einfach in der Mitte durch und suchen sich einen neuen Ankerplatz.
Ein See der Rekorde – und der Probleme
Mit seinen rund 8.300 Quadratkilometern Fläche ist der Titicacasee mehr als 15-mal so groß wie der Bodensee. Gleichzeitig ist er das höchstgelegene Gewässer der Erde, das mit Schiffen befahren wird: Hier ziehen geflochtene Ausflugsboote mit hochgebogenen Spitzen ihre Spuren durchs stahlblaue Wasser, während Fünfjährige in kleinen Nussschalen zur Schulinsel rudern und knatternde Außenborder Touristen über die weite Fläche tragen. Doch seine Größe schützt den Titicacasee nicht: Ungeklärte Abwässer aus den umliegenden Städten, Müll und Schadstoffe aus dem Bergbau und der Landwirtschaft belasten das Ökosystem massiv. Der Klimawandel setzt ihm zusätzlich zu.


Bis weit in den See hinein ziehen sich in dichten grünen Büscheln die Totorabinsen. Sie sind die Lebensgrundlage der Urus, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Indigenen leben nicht nur auf ihnen, sie füttern ihre Schweine damit, bauen Hütten, Betten, Boote. Das helle Herz der Stängel taugt zur Sonnencreme, und wer es kaut, pflegt damit gleichzeitig seine Zähne, erklärt Gloria in Aymara, der Sprache ihres Volkes, und zeigt wie zum Beweis ein breites, strahlendweißes Lächeln. Einmal probieren? Lieber nicht. Zu fremd sei das Binsen-Mark für einen mitteleuropäischen Verdauungstrakt und zu voll mit all den Schadstoffen, die die Stängel aus dem Wasser herausgefiltert haben.
Zwischen Tradition und Tourismus
Den Namen “Uru”, “schüchtern”, haben den Titicacasee-Bewohnern ihre Nachbarn verpasst, denn die Urus leben seit der Zeit, als sie sich immer wieder vor kriegerischen Inkas in Sicherheit bringen mussten, gerne abgeschieden vom Rest der Welt. Eigentlich. Inzwischen ist nämlich der Tourismus notgedrungen zu einer wichtigen Einkommensquelle geworden, denn von der Fischerei lässt sich im verschmutzten Titicacasee kaum noch leben. Ihren Alltag packen die Urus für ihre temporären Gäste in Lieder und kleine Theaterstücke, die davon erzählen, wie sie anbandeln, fischen oder Handel mit anderen Völkern betreiben.


Dann hebt Gloria die Schilfmatte am Eingang ihrer Hütte zur Seite und bittet die Besucher hinein. Ein Raum. Ein Bett für die ganze Familie. Die Kleidung hängt ordentlich an den Wänden, eine nackte Glühbirne, gespeist von einem Solarpanel, setzt dem Halbdunkel kaum etwas entgegen. Wer bei der Uru-Frau fündig geworden ist und einige kleine Souvenirs mit nach Hause nehmen möchte, kann freilich mit Kreditkarte bezahlen.
Eines von vielen
Die Urus sind nur eines von 55 offiziell anerkannten indigenen Völkern in Peru. Vier leben im Hochland der Anden, 51 im Amazonasgebiet. Daneben prägen Mestizen, Nachfahren europäischer Einwanderer und Menschen mit afrikanischen und asiatischen Wurzeln das Land. Peru ist ein Mosaik, ethnisch wie landschaftlich.


Wer von der Pazifikküste über das Hochland, in dem der größte Fluss der Erde als Rinnsal entspringt, in den Regenwald oder den tropischen Nebelwald rund um Machu Picchu reist, durchquert gefühlt mehrere Länder in einem. Drei Viertel aller weltweit vorkommenden Lebensräume von Fauna und Flora finden sich in Peru, 3.000 Kartoffel- und Tausende Maissorten inklusive. Und kaum ein anderes Land vereint so mühelos uralte Ruinen und pulsierende Städte.


Ein Land mit 80 Mikroklimata
Zwischen Küste und Amazonasbecken kommen außerdem 80 der weltweit 100 Mikroklimata vor. Ein guter Tagesrucksack ist in Peru kein Accessoire, sondern eine Versicherungspolice. Wer gestern noch im feuchtwarmen Regenwald ein T-Shirt nach dem anderen durchgeschwitzt hat, steht einen Tag später auf einem Gebirgspass, ringt nach Luft, zieht sich die Haube weit über die Ohren und hat hoffentlich eine Regenjacke, einen dicken Pullover und Handschuhe eingepackt. Sonnencreme und Sonnenbrille müssen ebenfalls unbedingt ins Gepäck. Die Höhensonne brennt gnadenlos, selbst wenn das Thermometer kaum über zehn Grad klettert. Man muss auf alles gefasst sein. Vor allem, wenn man sich noch ein paar weitere hundert Meter in die Höhe schraubt.


Szenenwechsel. Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, als der Minibus Cusco verlässt, die einstige Hauptstadt des Inkareichs. Ziel: Vinicunca, besser bekannt als Regenbogenberg. Er hat erst vor wenigen Jahren seine Gletscherdecke verloren. Darunter kamen in sieben Farben gefärbte Sediment- und Mineralschichten zum Vorschein. Eisenoxide, Kupfer- und Schwefelverbindungen und Co. sind wie mit einem breiten Pinsel in die Hänge gezogen.


Die Anfahrt dauert rund fünf Stunden, die letzten Kilometer führen in endlosen Serpentinen über eine staubige Piste. Wer hier herauf will, sollte früh starten. Nach Mittag kippt das Wetter oft abrupt, Wolken schieben sich wie Vorhänge vor die Farben, Schneestürme sind keine Seltenheit.
Wo jeder Schritt zur Verhandlung mit dem eigenen Körper wird
Die letzte Etappe bezwingt man in rund eineinhalb Stunden zu Fuß. So hoch oben ist der Sauerstoff spärlich, der Puls hämmert schneller als gewohnt. Mit 4.800 Höhenmetern ist nicht zu spaßen. Außer man ist ein Einheimischer. Neben dem Parkplatz wärmen sich zwei Mädchenmannschaften auf einem staubigen Fußballfeld auf, auch wenn langsam Graupelschauer vom Himmel prasseln. Ein paar Meter weiter lehnen keuchend Touristen auf einen Zaun gestützt, wickeln zur Stärkung Koka-Zuckerl aus und sammeln Kraft für die letzten Höhenmeter. Jeder Schritt wird zur Verhandlung mit dem eigenen Körper. Ins eigene Tempo finden, viel Wasser trinken, raten die Guides – pro 1.000 Höhenmeter einen Liter mehr pro Tag. Wer nicht mehr kann, steigt auf ein Pferd um oder lässt sich schieben.


Bis auf 5.020 Meter geht es hinauf zum Aussichtspunkt, der damit fast so hoch liegt wie das Everest Base Camp. Oben am Kamm zieht sich scheinbar eine Baumkette entlang. Aus der Nähe löst sich die Illusion auf: Es ist die Schlange der Touristen, die geduldig auf ihr Foto mit dem perfekten Streifenpanorama warten. Peru ist eben eine Reise wert, an der man andere gern bildgewaltig über Instagram teilhaben lässt!