Kaum dass ich mich auf meinem Platz niedergelassen habe, fragt mich mein Sitznachbar: “Na, geht es für dich auch zum Colours?” Nächster Stop: Ostrava. Ich blicke ihn an: „Yup, was hat mich verraten?“, frage ich ihn lächelnd und ernte lediglich ein wissendes Grinsen.
Nachdem wir schließlich pünktlich abgehoben sind, nehme ich die Gespräche der anderen Fluggäste in den Reihen um mich herum wahr und merke ziemlich schnell: Ich bin nicht die Einzige, die wegen des Colours of Ostrava in die tschechische Stadt fliegt. Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten, aber einem gemeinsamen Ziel, sitzen in diesem Flieger. Und spätestens in diesem Moment wird mir klar: Colours ist längst mehr als ein Festival für die Menschen aus der Region.
Unterwegs zum ungewöhnlichen Festival
Mich hat vor allem ein Name auf der Act-Liste gelockt: Teddy Swims. Ich liebe seine Musik, seine Texte, seine Art. Und schon vor der Reise war ich mir ziemlich sicher, dass sein Auftritt mein absolutes Highlight werden würde. Doch Ostrava hat mich überrascht. Und eines Besseren belehrt. Denn Colours of Ostrava ist kein Festival auf einer grünen Wiese, irgendwo zwischen Campingplatz und Bierstand. Stahl, Beton, Rohre und riesige Industrieanlagen bilden die Kulisse für internationale Kunstschaffende, wie Teddy Swims und Lorde.




Die Bühne steht dort, wo früher Hochöfen glühten, Stahl produziert und Kohle verarbeitet wurde. Wo früher Schwerstarbeit angesagt war, wird heute getanzt. Die „Dolni oblast Vítkovice“, das ehemalige Industrieareal der Vitkovice-Eisenwerke, ist heute eine Kulturstätte. Und sie verwandelt sich Jahr für Jahr im Sommer für ein paar Tage zu einer riesigen Festivalwelt.




Und genau das macht Colours so besonders: Die industrielle Vergangenheit wird nicht versteckt. Sie ist Teil der Atmosphäre, Teil der Identität und irgendwie sogar Teil der Show. Ich stehe vor einem Hochofen und höre wenige Meter weiter Musik, die Menschen aus aller Welt zusammenbringt. Eine ziemlich ungewöhnliche Kombination, die mich am ersten Abend mit offenem Mund herumlaufen lässt. Bühnen auf der einen Seite, Essensstände und ein kleiner Flohmarkt auf der anderen. An jeder Ecke entdecke ich etwas Neues und bin schier überwältigt von all den Eindrücken, die hier auf mich einprasseln.
Stahl, Kohle, Industrie und Beskiden
Aber Ostrava lässt mich nicht lange in dieser Festivalblase verweilen. Nach dem ersten Antesten des Festivalvibes geht es am nächsten Morgen auf Entdeckungstour. Denn wer glaubt, dass die Stadt nur Stahl, Kohle und Industrie zu bieten hat, dem empfehle ich, einmal aus dem Zentrum herauszufahren. Nicht weit entfernt beginnen die Beskiden. Und ehe ich mich versehe, sitze ich in einem Sessellift und schaue auf eine Landschaft, die so gar nicht zu dem Bild passen will, das ich vorher von Ostrava im Kopf hatte. Statt Hochöfen gibt es Berge, statt Festivalgetöse Natur und statt Beton traditionelle Hütten.




Typisch tschechisches Essen, das stark an die österreichische Küche erinnert, darf da natürlich nicht fehlen: Ob Schweinsbraten mit Knödeln und Sauerkraut (Vepro-knedlo-zelo), würziges Rindergulasch mit böhmischen Knödeln (Hovezi gulas) oder der Hefeteigkuchen mit süßer Füllung (Kolatschen) – die traditionelle Küche muss sich auf keinen Fall verstecken. Und weil diese Reise offenbar beschlossen hat, sämtliche Schubladen zu ignorieren, geht es danach nicht zurück zum Festival, sondern in ein Michelin-Restaurant. Eben noch Berghütte und tschechische Küche, plötzlich ein Menü auf einem ganz anderen Niveau. Es sind genau diese Kontraste, die Ostrava und die Region für mich so spannend machen. Ich wache in einer Stadt inmitten von Stahlkonstruktionen auf, sitze mittags in den Bergen und tauche abends in der Festivalmenge ab.
Und dann: Golf
Ich gebe zu: Vor der Reise hätte ich nicht unbedingt damit gerechnet, dass Golf einmal Teil meiner Ostrava-Erinnerungen sein würde. Aber auch das gehört offenbar dazu. Ein Golftalent ist an mir definitiv nicht verlorengegangen, doch während ich mehr schlecht als recht meinen Schläger schwinge, wird mir bewusst, dass sich Ostrava nur schwer in ein einziges Bild pressen lässt. Aber vielleicht liegt genau hier der Reiz.




Ostrava ist rau und elegant. Industriell und grün. Laut und gleichzeitig erstaunlich ruhig. Es gibt Hochöfen und Michelin-Sterne, Festivalbühnen und Berglandschaften, traditionelle Küche und internationale Weltstars. Und mittendrin ein Festival, das all diese Gegensätze auf eine ganz besondere Art und Weise zusammenbringt.




Während ich schließlich im Flugzeug zurück nach Hause sitze, muss ich wieder an meinen Sitznachbarn vom Hinflug denken. „Auch zu Colours?“ Damals dachte ich, die Frage bezog sich auf ein Festival. Jetzt weiß ich, dass dies nur eine von vielen Farben dieser Reise waren.
















