Wer denkt, San Diego wäre nicht mehr als ein Zwischenstopp während eines Westcoast-Roadtrips oder am Weg nach Mexiko, der irrt. Die mit 1,4 Millionen Einwohnern zweitgrößte Stadt im Bundesstaat Kalifornien ist nämlich vielfältig. Sie bietet Kulturbegeisterten ebenso viel zu entdecken, wie Foodies oder Fans von Outdoor-Abenteuern.
Ankommen
Ich wäre versucht gewesen, zu Fuß zu gehen, hätte ich nicht gewusst, wie seltsam das in den Augen von Amerikanern wirkt. So rufe ich mir ein Taxi, um mich die paar hundert Meter vom Flughafen zum Sheraton San Diego bringen zu lassen. Während ich auf das Taxi warte, kann ich das hohe Gebäude direkt an der Wasserlinie schon sehen. Es ist für einen Teil der Reise mein Zuhause und Ausgangspunkt für sämtliche Aktivitäten.


Morgens jogge ich gemeinsam mit jeder Menge anderer Sportbegeisterten an der wunderschönen Bucht entlang bis zur Liberty Station oder nutze den modernen, lichtdurfluteten Gym, hole mir einen samtigen Cold Brew im “Strada Italian Market” und genieße abends vom Balkon die Aussicht auf den Sonnenuntergang. Tagsüber starte ich von hier meine Ausflüge in die Umgebung oder relaxe am Pool.
Entspannte Vielfalt
Apropos Entspannung: Die scheint in San Diego allgegenwärtig zu sein. Vielleicht ist der lässige Vibe Resultat aus der viele Sonne, vielleicht ist es die Lage am Meer, wahrscheinlich handelt es sich um eine Kombination aus beidem. Dazu noch Latino-Temperament aus dem sehr nahe gelegenen Mexiko und schon hat man eine Beachtown, in der es ums Wesentliche geht: Spaß, Sport, gutes Essen und gute Nachbarschaft. Die Grenzen zwischen den USA und Mexiko sind fließend, auf den Tellern ebenso wie in der Sprache. Darauf ist man zu Recht stolz.


Am besten taucht man in diese bunte Mischung im ebenso bunten Viertel Barrio Logan ein. Es gilt als Zentrum der mexikanisch-amerikanischen Chicano Kultur und beginnt unter der Coronado Bridge mit dem Chicano Park. Er ist nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Lage eindrucksvoll, sondern auch wegen seiner Geschichte und bunten Sammlung an Chicano-Murals. Letztere ist weltweit die größte. Ein paar Stunden sollte man sich schon Zeit nehmen, denn das Viertel lockt mit Kunstgalerien, Kunsthandwerk und hervorragendem Essen. Zum Abschluss sollte man ein Bier im “Mujeres Brew House” genießen. Hier sind nämlich Latinas am Werk.


Historische Wurzeln
Nicht nur für die Chicanos ist San Diego von großer Bedeutung, sondern für den ganzen Westen der USA. Die Stadt gilt nämlich als “Geburtsstätte” von Kalifornien. Dort, wo spanische Einwandernde 1769 ihre erste Siedlung an der gesamten Westküste begründeten, bewundert man heute ein Freilichtmuseum, das an diese Geschichte erinnert. Im Historic Park schreitet man zwischen originalen und nachgebauten Lehmhäusern hindurch, kauft Souvenirs und lässt sich an alte Westernfilme erinnern. Ein Highlight ist der Besuch des Whaley House Museum, in dem es spuken soll. Sogar so sehr, dass es sich rühmt, eines der most haunted houses in den USA zu sein.


Ins 19. Jahrhundert huscht man bei einer Tour durch das berühmte Gaslamp Quarter, benannt nach seinen einstigen Straßenlaternen. Einst verruchte Gegend voll Saloons kann man hier heute hervorragend essen, etwa im “Zama”. Bekannt für das tropische Design und seinen Mix aus lateinamerikanischer und asiatischer Küche ist es ein Muss für Sushi-Lovers. Für Baseball-Fans empfiehlt sich zudem eine Führung im nahegelegenen PETCO Park, dem Stadium der San Diego Padres.


Jüngere Geschichte, aber nicht weniger eindrucksvolle, bekommt man an der Uferpromenade zu sehen. Hier liegt der gigantische Flugzeugträger USS Midway vor Anker. Über 50 Jahre lang tat er seinen Dienst für das US-Militär, heute ist es das meistbesuchte Schiffsmuseum der Welt. Selbst Menschen, die sich eigentlich nicht für Militärisches interessieren, sollten sich auf das Abenteuer einlassen und sich von einem der Veteranen, die hier einst dienten, über die gigantischen Decks führen lassen. Nostalgie oder Anemoia, je nachdem, welchem Jahrgang man angehört, stellt sich ein, wenn man die vielen Artefakte und Schaustücke aus längst vergangenen Zeiten bestaunt. Nur ein paar Schritte entfernt bewundert man die 7,5 Meter hohe Statue “Unconditional Surrender”, eine Nachbildung des ikonischen Fotomotivs, auf dem ein Marinesoldat eine Krankenschwester küsst – aus Freude über das Ende des Zweiten Weltkriegs.


Üppig und bunt, wohin man blickt
San Diego is a wild ride, denn der Krieg der Sterne ist nur etwa zehn Autominuten vom Weltkrieg entfernt. Genauer: der Balboa Park, der nicht nur eine Oase für Garten- und Naturfans darstellt, sondern mit seinen vielen Museen die Zeit wie im Flug vergehen lässt. Absolutes Highlight darunter ist das Air & Space Museum, in dem man dem Mond näher als sonst wo auf der ganzen Erde kommt. Im Balboa Park kann man Tage, Wochen, Monate verbringen. Er ist größer als der Central Park in New York und mit Cafés, Shops, Prunkbauten und Sehenswürdigkeiten gespickt. Besondere Fotomotive ergeben sich im Japanese Friendship Garden oder vor der Spreckels Organ, der weltweit größten Open-Air-Pfeifenorgel. Jeden Sonntag finden hier gratis Konzerte statt – und das seit über 100 Jahren.


In den USA ist so manches größer als anderswo. Das wird uns spätestens dann klar, als uns Ben, der Eigentümer von “Way to go San Diego” zu unserer Walking Tour durch North Park abholt. Zwar ist Barrio Logan eine Art Wiege der Murals in San Diego, doch das hippe North Park hat ebenfalls jede Menge der bunten und riesigen Wandgemälde zu bieten. Wir staunen über einen ganzen Block, die Fassade von Verbatim Books, den ein Artist an eine Hommage an Stephen King verwandelt hat, machen natürlich auch ein Bild vor dem ikonischen “Greetings from San Diego” und lauschen Ben.


Der ist nicht nur Local, sondern liebt seine Stadt über alles. Es macht ihm nichts aus, auch die absurdesten Fragen zu beantworten. Und weil während unseres Besuchs das Superbowl-Finale ansteht, das für die Latinos und Latinas des Landes wegen der Bad Bunny-Performance von großer Bedeutung ist, gibt er uns auch dazu humorvolle Einblicke, die uns noch besser dabei helfen, die Bedeutung der Chicano-Kultur für San Diego zu verstehen.


Köstlich inszeniert wird diese Einheit übrigens bei “Tacos el Franc”. Das kleine Lokal sieht nicht nach viel aus, offeriert aber so hervorragende Tacos, dass sie dem Guide Michelin eine Erwähnung wert waren. Zwar ist das “Leila” (noch!) in keinem Guide des Reifen-Riesen verzeichnet, lang im Voraus reservieren oder sich auf lange Schlangen einstellen muss man sich trotzdem. Selbst der Uber-Fahrer, der uns an diesem Abend zu der relativ unscheinbaren Tür bringt, hinter der sich eine neue Welt offenbart, hat schon davon gehört. Unter anderem, weil im Inneren des Lokals ein Bach fließt, sich Wasserfälle von den Wänden ergießen, an der Decke ein Sternenhimmel funkelt und man unter Olivenbäumen köstliche Nahost-Spezialitäten speist.


OB statt OC
Während OC, California, kurz für “Orange County”, nicht nur Surfenden, sondern wegen der gleichnamigen TV-Serie auch den Teens der frühen 2000er ein Begriff sein dürfte, ist OB hierzulande nur wenigen Menschen bekannt. Also, zumindest im Zusammenhang mit Kalifornien und San Diego. Die Abkürzung steht für “Ocean Beach” und bezieht sich auf einen Küstenabschnitt, an dem die Surfkultur und entspannter Hippie-Vibe ihre schönsten Blüten treiben.


Hier liegt einer der bekanntesten Hundestrände der USA, konstante Wellen locken Profis und Beginnende aufs Surfbrett und entlang der Newport Avenue gibt es jede Menge kleine Boutiquen, Restaurants, Antiquitätenläden und Cafés. Viele Kunst- und Musikschaffende leben in Ocean Beach, weshalb die Stimmung liberal, frei und unbeschwert wirkt. Gemütlichen Strandtagen steht hier nichts entgegen; am besten, man krönt sie mit einem Sundowner im Wonderland Ocean Pub mit Blick aufs Wasser oder im Sunset Cliffs Natural Park, dem berühmtesten Sonnenuntergangsspot in ganz San Diego.


Auf der anderen Seite der Landzunge liegt Coronado Island. “Wir in San Diego sind wirklich schlecht darin, Dingen einen Namen zu geben”, sagt Ben während unserer Tour. Als Beispiel führt er North Park an: “Der ist nicht im Norden, sondern im Zentrum.” Und auch Coronado Island nennt er, denn das ist keine Insel. Und dennoch fühlt man sich wie in einer anderen Welt, sobald man die Coronado Bridge überquert. Hier reiht sich eine atemberaubend schöne Villa an die nächste. Der Strand glitzert wegen seines hohen Glimmer-Anteils besonders golden in der Sonne und der Vibe erinnert fast an die französische Riviera.


Es ist ein Leichtes, die Militärbasis auszublenden, wenn man ihn entlang schlendert. Apropos entlang schlendern: Frank L. Baum lebte auf Coronado Island und ließ sich von ihr für “Der Zauberer von Oz” inspirieren. Die Orange Road führt allerdings nicht wie ihre literarische Schwester Yellow Brick Road nach Emerald City, sondern ist gesäumt von sehr hübschen Cafés, Boutiquen und Restaurants. Ein Frühstück bei “Parakeet” zum Beispiel oder ein Rooftop Dinner im “Dive” des “Bower Hotel” sollten auf die Bucket-List.

Wir checken im “Glorietta Bay Inn” ein, das mit viel Herz von Claudia Ludlow geführt wird. Errichtet 1908 als Zuhause des “Zuckerbarons” John D. Spreckels, jenem Mann, der uns dem Namen nach schon im Balboa Park begegnete, beherbergt es heute ein Boutique-Hotel. Spreckels gilt als einer der wichtigsten Menschen in der Geschichte der Stadt und vor allem der Insel. Er investierte in die Infrastruktur, machte große Geschenke an die Bürger der Stadt, so wie die Spreckels Organ, finanzierte wesentliche Eisenbahnstrecken und war nicht zuletzt jene Person, die den Bau eines der ikonischsten Hotels der Welt erst ermöglichte.


Die Rede ist vom “Hotel Del Coronado”, das direkt neben seiner einstigen Bleibe liegt. Wäre er nicht gewesen, hätte das wunderschöne, viktorianische Strandresort 1888 aus finanziellen Gründen gar nicht erst eröffnen können. Bis heute beherbergte es zahlreiche Präsidenten und Stars aus Film und Fernsehen. Es ist schlicht atemberaubend. Um es mit CJ Parker (Pamela Anderson) in Baywatch zu sagen: “Guys, this place is fantastic!”