Es ist Ende Oktober. Der Himmel über der Wüste Nevadas ist strahlend blau, die Luft klar. Es ist kalt. Und ruhig. Unheimlich ruhig. Warum der Highway 50, den wir die letzte Stunde entlang gefahren sind, als “Loneliest Road in America” bekannt ist, wissen wir jetzt. Seit wir in der kleinen Stadt Ely zum Tanken gehalten haben, bekamen wir keine andere Menschenseele zu Gesicht. Das ist jetzt über eine Stunde her.
Mittlerweile haben wir eine Abzweigung genommen und sind am Currant Inn angekommen. Oder dessen Überreste. Dieser abandoned place in Nevada lädt Abenteuerlustige dazu ein, sich ein wenig umzuschauen. Und obwohl es Tag ist und wir in unserem Auto zu fünft sind, überkommt uns ein unheimliches Gefühl, während wir uns umsehen.


Einst wichtiger Verkehrsknotenpunkt
Schon im Jahr 1868 lebten in der Siedlung Currant Menschen. Sie war strategisch wichtig, denn hier hielten während der 1870er regelmäßig Postkutschen. Sie waren zwischen den florierenden Minenstäten Eureka, Tybo und Hamilton unterwegs. In Currant wechselten die Postkutscher Pferde, ruhten sich aus und versorgten sich und ihre Tiere. Rund zehn Jahre später lebten 50 Menschen permanent in Currant. Es gab ein Postamt, einen Saloon und ein paar Geschäfte.


Siebzig Jahre später waren die Menschen immer noch quer durch die Wüste Nevadas unterwegs. Allerdings nicht mehr auf Postkutschen, sondern mit dem Auto. Der US Highway 6 wurde zu einer wichtigen Verbindung. Als das Currant Inn Mitte des 20. Jahrhunderts eröffnete, war es eine Art One-Stop-Shop. Es gab eine Tankstelle samt Werkstatt, eine Bar mit reich verziehrter Holzdecke, ein Restaurant und ein Motel samt Stellplatz für Wohnmobile.
Jetzt verlassen
Wenn man durch die teilweise zerbrochenen Glasscheiben blickt, wirkt es fast so, als wäre das Currant Inn nicht schon vor 40 Jahren verlassen worden, sondern erst gestern. Und hastig. Man kann sich fast vorstellen, dass Zombies die Einwohnenden vertrieben haben und diese auf der Flucht einfach alles liegen und stehen ließen. Auf manchen Tischen im Restaurant stehen nämlich noch Teller, zwischen den von Pflanzen überwucherten Sitzbänken liegen Bücher verstreut.


In Wahrheit war es das Ausbleiben des Verkehrs, der das Currant Inn 1996 zur Schließung zwang. Der Ausbau der Interstates I-80 und I-15 führte nämlich zu einem Ausbleiben des wichtigen Verkehrs und damit auch der Kundschaft. Seither sind die Gebäude der Witterung und gelegentlichen Urban Explorers schutzlos ausgeliefert.
Darf man Lost Places in Nevada betreten?
Die kurze Antwort lautet: Nein. Wer ein verlassenes Gebäude, einen sogenannten Lost Place oder Abandoned Place, betritt, begeht Hausfriedensbruch (Trespassing). In Nevada gilt jedoch, dass illegales Trespassing nur dann vorliegt, wenn man vorab gewarnt wurde. Aber Achtung: Auch ein Schild, ein Zaun, eine Absperrung und floureszierende orange Farbe an Zäunen oder Toren gelten ebenfalls als Warnung!


Obwohl die Gesetze in Nevada etwas milder sind als zum Beispiel in Texas oder Kalifornien, können beim unbefugten Betreten Geldstrafen zwischen 200 und 1.000 US-Dollar fällig werden. Auch eine Festnahme und eine kurz Haftstrafe kann man riskieren. Noch schlimmer wird es, wenn man etwas mitnimmt, beschädigt oder aufbricht. Dann wird aus Trespassing nämlich Einbruch. Und der ist viel strenger sanktioniert. Ebenfalls nicht vergessen darf man, dass der Eigentümer das Recht auf Selbstverteidigung hat. Und US-Amerikaner oft auch Waffen besitzen …