Der Spruch “Der König ist tot. Lang lebe der König!” ist ein geflügeltes Wort, das vor allem eins zum Ausdruck bringt: Eine Ära ist zu Ende, eine andere beginnt, doch das Grundkonzept – in dem Fall die Monarchie – bleibt gleich. Es bedeutet auch, dass Alt und Neu seine Berechtigung hat, zur jeweiligen Zeit. Übertragen auf Las Vegas 2026, dem in den letzten Monaten medial immer wieder der Tod bescheinigt wurde, könnte man sagen: Ja, Sin City ist nicht mehr, was es war. Es ist jetzt mehr als es war.
Einreise in Las Vegas 2026
Als sich die gut gefüllte, keineswegs leere Maschine von Discover Airlines dem internationalen Flughafen von Las Vegas nähert, begleiten mich gemischte Gefühle. Einerseits frage ich mich, wie “schlimm” die Einreise wirklich wird und ob ich überhaupt reinkomme (stellt sich heraus: Ja, problemlos und sogar mit entspannten Scherzchen). Andererseits war immer wieder zu lesen, dass die einst so schillernde Stadt mittlerweile nur noch ein Schatten ihrer selbst sei. Von “Touristeneinbrüchen” war die Rede. Würde ich “mein” Las Vegas wiedererkennen? Oder einsam und verlassen einen von Steppenhexen umwehten Strip entlangschreiten?


Au contraire! Las Vegas zeigt sich von seiner besten Seite. Denn während zuhause Regenwetter und graue Tage das Stadtbild prägen, lacht die Sonne von einem strahlend blauen, wolkenlosen Himmel. Ich checke im Paris Las Vegas ein und freue mich über die Aussicht auf den Mini-Eiffelturm und die Fontänen des gegenüberliegenden Bellagio. Lang kann ich mir nicht Zeit lassen, denn der erste Programmpunkt steht unmittelbar bevor. Abendessen im Chyna Club. Das zarteste Mongolian Beef ever landet ebenso auf unserem Tisch wie Dim Sum mit Trüffel. Während wir genießen, wissen wir noch nicht, dass der bereits grandiose Auftakt unseres Aufenthalts in Sachen Kulinarik nur ein Vorgeschmack ist.
Las Vegas für Foodies
Längst vorbei sind die Zeiten, in denen gratis Buffets und die Peppermill als das höchste der kulinarischen Gefühle galten. Mittlerweile kann man kaum wo anders auf engstem Raum so eine große Dichte an ausgezeichneten (und damit meine ich auch: preisgekrönten!) Restaurants finden, wie entlang und rund um den Strip. Vom Steak, das im Mund schmilzt bei Delmonico, mexikanischer Küche mit dem vielleicht größten Taco-Salad der Welt und Glitzer-Totenkopf als Dessert im Amaya über Sushi und Co. im Kusa Nori bis zu italienischen Klassikern im Stanton Social Italian bleibt keine Geschmacksknospe unberührt.


Essen und Trinken ist zum Event geworden, Bars und Restaurants widmen sich zu 100 Prozent ihrem Thema und bieten Gästen mehr als nur Kulinarik. Es sind Wunderwelten. Bei Pinky’s by Vanderpump empfängt einen Jugendstilromantik, durchgezogen vom Plüschhocker in Salbeigrün bis zum Drink im schmiedeeisernen Vogelkäfig, Viking Mike’s serviert seine Drinks in einem dunklen, yurtenhaften Etablissement in Downtown, wir kochen im The Bedford by Martha Stewart Pieroggi umgeben von Landhaus-Romantik (inklusive verschneiter Winterlandschaft vor den “Fenstern”) und staunen nicht schlecht über die Show, die das Dinner im Superfrico begleitet. Die Bars und Restaurants sind relativ voll, auch wochentags.


Vegas wird nüchtern
Ist Essen der neue Exzess? Es scheint ein bisschen so. Hochwertige Kulinarik hat auf jeden Fall an Stellenwert gewonnen, auch in Las Vegas. Aber eine weitere Welle ist in den einstigen Sündenpfuhl geschwappt: ein gesunder und aktiver Lifestyle. Hatte ich noch ein bisschen Fear and Loathing rund um mein Dasein als Mensch, der bewusst auf Alkohol verzichtet und sportliche Ziele verfolgt, kann ich mich schon am ersten Morgen beruhigen. Der Hotel-Gym ist nämlich so voll, dass ich das frühlingshafte Wetter nutze, um frühmorgens den 8 Kilometer langen Strip entlang zu joggen. Und längst bin ich nicht die Einzige, die die Sünden der Nacht am Altar des Sports abbüßt.


Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Resorts in ihre Fitness-Einrichtungen investieren. Die ersten Bewegungen in Richtung Sport City sind schon zu spüren. So richtete das Mandalay Bay Ende Februar eine Hyrox Competition aus, bei der fast 5.000 Teilnehmende begrüßt wurden. Und auch in Sachen Sobriety gibt’s Grund zur Freude. Denn alkoholfreie Alternativen serviert man mir zuhauf; ganz ohne dass es sich dabei nur um zusammengemixte Säfte handelt. Dass beides, Sport und Glücksspiel, einander nicht ausschließen müssen, zeigt schon die griechische Mythologie. Schließlich gilt Hermes als Gott der Sporttreibenden und Erfinder des Glücksspiels.


Die Läuterung von Sin City?
Als ich 2016 mein erstes Date mit der funkelnden Stadt inmitten der Wüste von Nevada hatte, waren die Spielregeln noch anders. Man konnte sich darauf verlassen, dass Besuchende an den Roulette-Tischen und Slot-Maschinen die Nacht zum Tag machen, befeuert von gratis Drinks und mit Billig-Buffets als Treibstoff. Tagsüber schliefen Gäste und Stadt gleichermaßen. Das hat sich nun schon länger deutlich gewandelt. Heute gibt’s deutlich mehr als “Drink Beer, throw Axes” in Sachen Tagesprogramm. Wir verbringen eine Ewigkeit staunend im immersiven Kunstprojekt, das der Omega Mart in der Area 15 ist, shoppen in Vintage Läden und bestaunen Murals im Arts District, streunen durchs Mob Museum und schauen in The Sphere “The Wizard of Oz.” Um es mit Dorothy zu sagen: “This is not Vegas anymore.”


Zumindest nicht das, was man zuallererst vor Augen hat. Casinos und Shows? Yes, please. Aber: Die Stadt ist diverser, bunter, abwechslungsreicher. Las Vegas ist a State of Mind: Mehr denn je existieren unterschiedliche Möglichkeiten, einen Aufenthalt zu gestalten, parallel nebeneinander. Auf welche Wirklichkeit man vor Ort trifft, hängt vom eigenen Fokus ab. Jeder macht sich “sein” Vegas selbst. Party und Exzess gibt’s nach wie vor, wer Einsamkeit sucht, wird sie finden, wer sportlich sein will, kann auch das. Unschuldiger Gamingspaß? Welcome to Play Playground!


Die Besucherzahlen mögen gesunken sein, aber falls die Stadt je tot war, erleben wir deren Auferstehung gerade live mit. Es wird investiert, neue Resorts entstehen, sportliche Großereignisse werden ausgetragen, das Conventionbusiness boomt. Wenn eines konstant ist, dann die Veränderung. Schon immer hat sich die Stadt gewandelt, sonst wäre aus dem einstigen Eisenbahnknotenpunkt in der Wüste von Nevada ja auch nie eine Metropole geworden. Die Stadt ist immer noch fabulous. Wieviel Sin oder Sinn man einem Vegas-Trip gibt, liegt also letztlich ganz bei einem selbst.